Wenn du mich fragst wer Meister wird…

Bald liegt die Saison 2016/2017, die erste Saison in Liga zwei seit fast 4 Jahrzehnten für den VfB Stuttgart, hinter uns. Manches wird in guter Erinnerung bleiben, anderes darf kritisch hinterfragt werden.

Am kommenden Sonntag kann der VfB Stuttgart endgültig den Aufstieg in die erste Liga perfekt machen. Oder anders gesagt: Zu 99,8% spielt der VfB nächstes Jahr wieder in der obersten Spielklasse. Sollte kein eigentlich unvorstellbares Ereignis geschehen, wäre damit am 21. Mai 2017 gegen 17.20 Uhr das große Ziel erreicht. De facto stehen vor dem letzten Spieltag bei sieben Niederlagen 20 Siege und 6 Unentschieden auf der Habenseite. Insgesamt also 66 Punkte, die damit wohl zum Aufstieg reichen werden. Dazu ein positives Torverhältnis. Ergebnisse, die jeder VfB-Fan in den letzten Jahren mehr als nur vermisst haben dürfte. Eigentlich also alles wunderbar, sollte man meinen. Woche für Woche pilgern tausende Weiß-Rote zu den Auswärtsspielen. Der Zuschauerschnitt bei Heimspielen bewegt sich auf Rekordniveau. Der VfB scheint wieder Spaß zu machen. Es tut jedem Fan dieses Vereins gut, nicht Woche für Woche bittere Niederlagen zu verdauen oder sich über katastrophale Leistungen aufzuregen. Die Ergebnisse der vergangenen Partien und der aktuelle Tabellenstand als Spitzenreiter vor dem 34.Spieltag sorgen fraglos dafür, dass ein allgemeines Aufatmen durch die Region zu gehen scheint. Wir sind Erster! Punkt! Drei Zähler und das um Längen bessere Torverhältnis müssen einfach am Sonntag reichen. Punkt! Es ist alles angerichtet. Jetzt gilt es, den letzten Schritt zu gehen. Eigentlich ein Moment, in dem die Vorfreude auf das Kommende im Vordergrund stehen sollte. Und vorab, nichts liegt uns ferner als auch nur einem einzigen Weiß-Roten diese zu nehmen. Wenn es jemand verdient hat, am Sonntag aufzusteigen, dann diese Kurve und diese Fans, die seit dem ersten Spieltag wie eine Wand hinter ihrem Verein gestanden sind. Die sich nicht auf Nebenkriegsschauplätze eingelassen hat, die das große Ziel hätten gefährden können. Die auch dann weiterhin hinter der Mannschaft stand, als wohl viele andere diese bereits aufgegeben hätten. Als Beispiel sei hier nur das Spiel gegen Dresden genannt. Oder auch Spiele wie in Nürnberg oder gegen Berlin, die zu gewissen Anteilen schlicht mitentschieden wurden. Nein, euch wollen und werden wir nicht die Vorfreude nehmen. Vielmehr ist es uns wichtig, gerade jetzt, im Moment des Erfolges, das zweite Auge eben nicht zuzudrücken, sondern auch in diesen Tagen auf Missstände bzw. Fehlentwicklungen hinzuweisen. Wer uns kennt, weiß auch, dass wir unserem VfB nie etwas Schlechtes wollen. Aber trotzdem muss es doch die Pflicht eines jeden sein, eben jene Missstände anzusprechen. Schweigen bringt uns nicht weiter. Nur dort, wo Probleme angesprochen werden, können an diesen positive Veränderungen vorgenommen werden.

Der VfB steigt fast sicher auf. Doch seien wir ehrlich: Wäre etwas anderes akzeptabel gewesen? Oder hatte der VfB eine wirkliche Alternative? Wirtschaftlich wäre ein weiteres Jahr in der zweiten Liga laut Verantwortlichen nur unter erschwerten Umständen zu stemmen. Umso mehr zeigt sich, wie wichtig der Aufstieg für den Verein ist. Nur, es stellt sich die Frage: Kann bzw. darf diese Saison wirklich als Erfolg verbucht werden? Ohne Frage ist der Aufstieg an sich natürlich ein absolut erfreuliches Ergebnis. Doch warum? War die Mannschaft wirklich so gut? Oder die Liga schlicht zu schlecht? Laut Transfermarkt ging der VfB mit einem Marktwerk von 41,9 Mio. Euro in die Saison. Zusammen mit dem Mitabsteiger aus Hannover (Marktwert 32,15 Mio. €) standen sich damit ein knappes Viertel des Gesamtmarktwertes der Liga (315,63 Mio. €) am vergangenen Sonntag im Niedersachsenstadion gegenüber. Der Kader des VfB ist schlicht der beste der Liga. Ohne wenn und aber. Ein Kader, der allein von den Namen her diese Liga eigentlich problemlos hätte meistern sollen. Und ja, eine gewisse Eingewöhnung muss auch dieser Mannschaft zugestanden werden. Es war jedem bewusst, wie schwierig die ersten Wochen in der zweiten Liga werden würden. Doch kann dies wirklich als Erklärung für die Instabilität des Teams herhalten?

Im Rückblick müssen wir uns wohl alle eingestehen, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit dieser Saison eine große Lücke klaffte. Zu keinem Zeitpunkt schaffte man es, wirklich dominant aufzutreten. Klaren Siegen wie zuhause gegen Fürth folgten absolute Debakel wie in Dresden. Es war bezeichnend, dass wir am vergangenen Sonntag nicht durch die eigene Kraft, sondern durch das 6:0 der Bielefelder gegen Eintracht Braunschweig einen riesigen Schritt Richtung erste Liga machen konnten. Richtig, am Ende zählt das nackte Ergebnis. Sicher werden einige nun denken, „Ist doch egal, wir steigen auf. Alles gut!“ Aber seien wir ehrlich: Hat eine solche Einstellung nicht erst die Abwärtsspirale der letzten Jahre begünstigt? Nach jedem gewonnen Abstiegskampf wurde großspurig von Aufarbeitung gesprochen. Schlussendlich aber versteckte man sich viel zu oft hinter dem Motto „Am Ende hat‘s doch gepasst! Unsere kurzfristigen Entscheidungen waren erfolgreich!“ Pustekuchen. Dass wir heute Tabellenführer der zweiten Liga sind, ist allein dem Abstieg des vergangenen Jahres geschuldet! Nicht mehr, aber einfach auch nicht weniger. Es war die schlichte Pflicht dieser Mannschaft (die im Übrigen zu großen Teilen aus dem Kader der ersten Liga besteht), die Leistung der vergangenen Saison gerade zu rücken. Letztendlich wurde schlicht und ergreifend (nur) das Minimalziel Aufstieg erreicht. An dieser Stelle wären wir am entscheidenden Punkt: Wir sollten uns nicht noch einmal vom kurzfristigen Erfolg blenden lassen. Es bringt diesen Verein nicht weiter, die Ergebnisse einer Zweitligasaison zu überhöhen. Vielmehr sollten wir demütig anerkennen, dass wir in dieser Liga bis auf wenige Ausnahmen auf Gegner getroffen sind, die auf dem Papier nicht einmal ansatzweise ebenbürtig gewesen sind. Die Realität sah freilich anders aus. Und nein, der Anspruch dieses Vereins kann es auch nicht gewesen sein, am Ende „irgendwie“ aufzusteigen. Es gab in dieser Liga außer Hannover 96 keinen weiteren wirklichen Konkurrenten. Bezeichnend, dass gerade die beiden Spiele gegen die Niedersachsen verloren gingen. Wir wollen selbstverständlich hier nichts klein reden. Die Arbeit der sportlichen Abteilung gilt es wertzuschätzen. Aber gleichzeitig ist diese eben auch nicht zu überhöhen. Was haben wir davon zu glauben, dass sämtliche Transfers dieser Saison erfolgreich waren? Jeder der sich nur ansatzweise mit der Mannschaft beschäftigt hat, wird schnell erkennen, dass manche Entscheidungen richtig und förderlich waren. Von einer hohen Trefferqoute der Transfers zu sprechen scheint dann aber schon wieder sehr weit hergeholt. Neben Torgarant Terodde schafften es Kaminski, Mané, Pavard und Ofori zwar zeitweise in die erste Mannschaft, haben ihr Entwicklungspotential aber sicher noch nicht ganz ausgeschöpft und es bleibt abzuwarten, wohin die Reise geht. Andere Spieler spielten nach dem Trainerwechsel zu Beginn der Saison (Hosogai, Werner) oder allgemein im System von Cheftrainer Hannes Wolf (Zimmer, Green) kaum eine Rolle. Die Vergangenheit hat deutlich gezeigt, dass wir Mitglieder und Fans kritisch bleiben müssen. Verschließen wir nicht die Augen vor der Realität. Ordnen wir die aktuellen Entwicklungen richtig ein. Ja, wir steigen auf und das ist auch gut so! Ja, der VfB gehört in die erste Liga und ja, mit dem möglichen Aufstieg am Sonntag könnten wir die Saison erfolgreich beenden. Doch gleichzeitig sagen wir auch: „Nein, ein Erfolg war diese Saison nicht!“ Sie war ein Spiegelbild des Vereins. Ein Balanceakt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwischen dem Erreichen der selbstgesteckten Ziele und einem grandiosen Scheitern. Nicht mehr, nicht weniger!

Es gilt ein gesundes Maß an den Tag zu legen. Bestehend aus Freude und Erleichterung über den sehr wahrscheinlichen Aufstieg in die erste Bundesliga und einem ebenso ehrlichen Blick auf die (sportliche) Realität des VfB.

Ob diese vielleicht etwas dunklere Sicht auf die Dinge den Blick des Einzelnen schärft, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen. Doch wollen wir abschließend an jeden Weiß-Roten appellieren, sich nochmals genau zu überlegen, was Wirklichkeit war und ist und was unserem VfB wirklich auch in Zukunft weiter hilft. Der Aufstieg hilft ihm zu 100%. Den Erfolg dahinter zu überhöhen und sich von den nackten Ergebnissen blenden zu lassen, hilft ihm dagegen nicht. Bleiben wir weiterhin wachsam und in den richtigen Momenten kritisch. Das sind wir unserem VfB bei aller Freude über den möglichen Aufstieg am Sonntag aus unserer Sicht und der Erfahrung der Vergangenheit schuldig.

Für immer VfB!

Schwabensturm 2002

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